Zwischen Psychose und Prophylaxe

Zwischen Psychose und Prophylaxe

Die Verveine im Garten hat den ersten Nachtfrost erfolgreich überstanden. Ich geniesse also weiterhin jeden Abend eine Tasse Tee mit Blättern frisch vom Strauch, der den Sommer über eine beachtliche Grösse erreicht hat.

Nach dem feuchten Frühling ist aber viel Gepflänz von Pilzen befallen. Die Apfelernte wäre heuer immens gewesen – die meisten Äpfel verfaulten aber schon vor der endgültigen Reife am Baum. Bei den Quitten dasselbe. Und nun zeigen sich auch auf der sonst so resistenten Verveine diese ollen braunen Flecken. Muss das sein?

Und vor allem: Ist das gefährlich? Werde ich davon krank? Immerhin bekam ich letzte Woche wieder einmal eine TNF-Alpha-Hemmer-Infusion. Und man sagt, gerade in den Tagen danach sei das Infektrisiko am höchsten, weil dieser Medikamententyp auch das Immunsystem unterdrückt.

Grössere Infektionsgefahr

Auch das gehört leider zum Bechti-Dasein – jedenfalls bei jenen, die Biologika erhalten, um die Krankheit zurückzubinden: Die höhere Wahrscheinlichkeit, sich etwas einzufangen als bei Menschen mit einem intakten Immunsystem. Aber auch: bezüglich Infektionsgefahr überängstlich zu werden.

Keine Sorge: Ich habe noch keine Zwangsstörung und glaube nicht wirklich, dass mir die paar Flecken auf den Blättern schaden könnten. Und ich hoffe, dass diese Einstellung auch bis ins hohe Alter so bleibt.

Und doch ertappe ich mich gerade zur aktuellen Jahreszeit – zum Start der Grippe- und Erkältungssaison – immer wieder dabei, leicht hysterisch zu werden. Immerhin leiden bis zu zwei Prozent der Bevölkerung an Psychosen wie «zehnmal nachschauen, ob alle Herdplatten aus sind», «dreimal nach Hause zurückrennen, um die Haustüre zu checken» oder «Händewaschen nach jeder Berührung eines Geländers». Ich verspüre wenig Lust, nebst dem Bechterew (und der Sucht nach dem Handy, wie ungenannte Quellen behaupten) auch noch eine Zwangserkrankung zu haben.

Ein schmaler Grat

Wie so oft ist der Grat zwischen Vernunft und Übertreibung schmal. Die Tatsache, dass ich vermehrt Händedesinfektionsmittel einsetze, wenn keine Seife und Wasser in Sicht sind, hat beispielsweise zu einigen fragenden Blicken geführt. Diese wechseln aber in ein anerkennendes Hochziehen der Augenbrauen, wenn ich kontere: «Seit zwei Jahren nicht mehr krank gewesen. Und normal sind bei Erwachsenen zwei bis vier Infekte pro Jahr. Nicht schlecht, oder?»

Gut, das war nicht schwer zu erraten. Handhygiene wird jeden Herbst gepredigt wie die Klassiker «genug Trinken» und «Grippeimpfung». Und doch – seit ich den Rat etwas konsequenter befolge statt ihn flapsig zu ignorieren, hatte ich keine grösseren Infekte mehr. Und vorher mit Resistenztabletten weiss-nicht-wieviele.

Das ist aber noch nicht alles. Weitere Mittel haben sich bei mir als äusserst tauglich erwiesen: Finger weg vom Gesicht, insbesondere den Augen, wenn es nicht unbedingt sein muss.

Auch diesen Tipp habe nicht ich erfunden – aber ihn im Alltag zu beherzigen, ist etwas anderes, als diese Hinweise getreu dem Motto «Göschenen-Airolo» zu behandeln. (Wobei der alte Spruch ab Dezember 2016 wohl in «Erstfeld-Bodio» umbenannt werden sollte.)

A propos Bahnreisen: Ich nehme wenn immer möglich das Velo statt den öffentlichen Verkehr. Ich wechsle konsequent den Platz, wenn im Bus oder Zug sicht- oder hörbare Virenschleudern in der Nähe sitzen. Ich gurgle beim leisesten Verdacht von Halsweh vor dem Einschlafen mit Chlorhexidin.

Und ich frage immer vorher, wenn ich Göttikinder oder Familien besuche: Hustet jemand, ist jemand verpfnüselt oder sonstwie krank? Wenn die Antwort ja ist, verzichte ich halt auch einmal auf einen wichtigen Geburtstag.

Erreger sind da, aber...

Insgesamt also: eine möglichst wahnfreie Vorbeugung. Im Wissen, dass Keime auf diesem Planeten omnipräsent sind, den offensichtlichsten Quellen besser als früher ausweichen.

Denn Infekte verlaufen bei uns Immunsupprimierten oftmals langwieriger und komplizierter. Nicht selten wurden meine einfachen Erkältungen in den letzten Jahren zu bakteriellen Atemwegsproblemfällen oder Stirn- und Nebenhöhlenentzündungen. Und die Abstriche von Ausschlägen wuchsen in der Petrischale zu netten kleinen Staphylococcus-Aureus-Kulturen heran.

Auf das Wundermittel TNF-Alpha-Hemmer möchte ich keinesfalls verzichten. Aber natürlich auch nicht Antibiotika à gogo schlucken, tagelang Salbeitee mit Honig trinken oder Schmerzmittel nehmen. Da schüttle ich doch lieber manchmal über mich selbst den Kopf, wenn ich meine Hände einmal zu viel mit Alkohol einreibe und Skifahren gehe statt an das Kinderfest. Aber eben: Wer liegt schon gerne krank im Bett?

Wobei – nur so unter uns gesagt: Vielleicht ist es einfach auch nur ein glücklicher Zufall, dass ich schon so lange keine grösseren Käfer eingefangen habe. Eventuell ist die Immunsystemhemmung gar nicht so schlimm. Und womöglich ist alles in diesem Blogbeitrag kompletter Unsinn – das Resultat einer noch undiagnostizierten Psychose.

Oh Tannenbaum

Oh Tannenbaum

25 Jahre jung und Morbus Bechterew - ja und?

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