Ein Jahreslohn pro Leben für die Krankheit

Ein Jahreslohn pro Leben für die Krankheit

Wie jedes Jahr ist die neue Krankenkassen-Police mit der Post «hereingeflattert». Über zehn Prozent mehr Prämie werde ich 2018 bezahlen müssen. Vielleicht ist es Ihnen ähnlich ergangen. Und wenn nicht, hatten Sie wohl letztes Jahr den Kostenschub. Oder Sie werden ihn in zwölf Monaten erleben. Egal, bei welcher Versicherung Sie Kunde sind: Steigende Prämien waren bisher so sicher wie das Amen in der Kirche.

Keine Sorge: Dieser Blogbeitrag soll weder ein politischer Rundumschlag noch ein Plädoyer für eine Einheitskrankenkasse oder ein komplett auf den Kopf gestelltes Gesundheitssystem sein. Aber er soll Medienschaffende, Lobbyistinnen, Gesundheitsökonomen und Social-Media-Aktivistinnen dazu ermuntern, sich wenigstens ab und zu in die Lage von Menschen mit Morbus Bechterew oder einer anderen chronischen Erkrankung zu versetzen.

Auch wenn Menschen mit Morbus Bechterew – allen voran jene, die in einer TNF-Alpha-Therapie sind –, in vielen Fällen vom System profitieren, ist dieses dennoch eine zusätzliche Belastung, weil es für chronisch Kranke in der Schweiz kaum sinnvoll ist, die vom System vorgesehenen «Sparmöglichkeiten» in Form einer höheren Franchise in Anspruch zu nehmen.

Wo bleibt die Solidarität?

So ist es denn auch bezeichnend für das System, dass man in Medienberichten den Hinweis auf chronisch kranke Menschen vergeblich sucht, wenn zum Beispiel wieder mal ein steigender Selbstbehalt gefordert wird. Wir «Chroniker» scheinen einfach nicht zu existieren.

Ich frage mich dann, ob sich die verantwortlichen Politiker und Journalisten schon einmal überlegt haben, wie sich das Schweizer Gesundheitswesen anfühlt, wenn man eine chronische Krankheit hat. Oder ob diese überhaupt recherchieren, bevor sie etwas zu diesem Thema sagen. Dann wüssten sie vielleicht, dass zum Beispiel in unserem Nachbarland Deutschland chronisch Kranke finanziell entlastet werden, indem sie die sonst üblichen Rezeptgebühren oder Beiträge an Klinikaufenthalte nicht bezahlen müssen. Voraussetzung ist, dass die Betroffenen alles tun, um die Krankheit so gut wie möglich zu kontrollieren. Nun ist das Gesundheitssystem in Deutschland sicher weit entfernt davon, perfekt zu sein, und ein direkter Vergleich mit der Schweiz ist schwierig.

Tatsache ist aber, dass unser System für «Chroniker», gelinde gesagt, relativ mühsam ist. Dabei sind wir nicht die, die wegen jedem Wehwehchen zum Spezialisten rennen. Die meisten von uns sind froh, wenn sie, abgesehen von Routineuntersuchungen, Spritzen oder Infusionen, so wenig wie möglich mit Praxen und Spitälern zu tun haben. Vermutlich sind wir im Umgang mit Schmerzen und Einschränkungen sogar derart geübt, dass wir abgesehen von unserer unverschuldeten Grunderkrankung sehr viel weniger Kosten verursachen als andere.

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Bitte kein Mitleid!

Nein, ich will keine nett gemeinten Klapse auf die Schulter à la «Du
Armer, du hast es ja ganz schön schwer im Leben». Aber ich will als (verdammt) viel Geld ins System Pumpender auch nicht einfach von der Gesundheitslandkarte gelöscht werden. Und wenn eine Politikerin im Umfeld laufend steigender Prämien Vorschläge zur vermehrten Beteiligung der Patienten an den Kosten verlauten lässt, erwarte ich zumindest in einem Nebensatz, dass «Chroniker» davon ausgenommen würden. Und von Medienschaffenden erwarte ich, dass sie die Folgen für «uns» zumindest in einem Kasten erwähnen.

Denn für unsereiner gibt es schlicht keine Sparmöglichkeiten. Je nach Behandlung sind Franchise und Selbstbehalt schon im Frühling komplett beansprucht. Meistens aber spätestens im Sommer. Wir zahlen zunächst einmal die höchsten Prämien, da für Menschen in Dauerbehandlung oder mit hohen Medikamentenkosten nur die Minimalfranchise Sinn macht. Das heisst: Wir haben keinerlei Rabatt auf den Monatsprämien. Ein Mensch, der noch nie «etwas hatte», wird dagegen das Risiko eingehen, die höchste Franchise zu wählen. Unter dem Strich kommt er – über Jahre betrachtet – ohnehin günstiger weg, selbst wenn er unvorhergesehen ins Spital muss. Und das ist nicht alles: Die gesetzlich vorgesehenen 1000 Franken jährlich (700 Franken Selbstbehalt und die 300 Franken Minimalfranchise) zahlen wir jedes Jahr sowieso auf die stetig steigenden Prämien obendrauf. Zu den Monatsprämien kommen ergo jeden Monat 83.33 Franken dazu. Ob wir es wollen oder nicht!

Was heisst das in Zahlen?

Berechnen wir dies einmal konkret für die Grundversicherung 2018 anhand meiner aktuellen Kasse (ohne Unfalldeckung). Ich habe das günstigste Modell mit Telemedizin. Mit der Jahresfranchise von 2500 Franken würde ich eine Prämie von 290.30 pro Monat zahlen. Mit meiner 300er-Jahresfranchise sind es hingegen 410.20 monatlich. Im ganzen nächsten Jahr würde ich als gesunder Mensch ohne Arztbesuch folglich 3483.60 Franken bezahlen. Als «Bechti» hingegen bezahle ich 4922.40 Franken plus 1000 Franken Franchise und Selbstbehalt, sprich fast 6000 Franken im Jahr. Die Differenz beträgt genau 2484.80 Franken. Verursacht durch eine Krankheit, für die ich nichts kann, in einem sogenannt «solidarischen» Modell.

Nehmen wir nun an – schön wär's! – dass die Kosten in den nächsten Jahren genau so bleiben und ich 75 Jahre alt werde, also noch 30 hoffentlich schöne Jahre vor mir habe. Frei nach Adam Riese werde ich von meinem sauer verdienten Geld in dieser Zeit rund 73'000 Franken mehr als ein gesunder Mensch «abdrücken». Ohne dass ich eine Wahl hätte.

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Fromme Wünsche in einem schwierigen Umfeld

73‘000 Franken: Ich wünsche mir, dass sich alle Akteure diese Zahl stets vor Augen führen, wenn sie eine höhere Kostenbeteiligung an medizinischen Leistungen fordern. Auf das ganze Leben berechnet bezahlen chronisch Kranke nämlich schon heute weitaus mehr als einen ganz netten Jahreslohn – quasi als Zusatzstrafe für ihre Krankheit. Natürlich: Ich bekomme dafür auch ausgezeichnete medizinische Leistungen. Gerade bei den rheumatischen Krankheiten haben neue, teure Medikamente in den letzten Jahren massive Erleichterungen gebracht. Aber was denken Sie: Kann man so ein Modell noch als solidarisch bezeichnen? Finden Sie es in Ordnung, dass auch wir chronisch Kranken in Zukunft noch stärker belastet werden? Und: Arbeitet überhaupt jemand an gesundheitsökonomischen Modellen, die Medikamente erschwinglicher machen, ohne die Innovation der Pharmaindustrie zu hemmen? Oder ist es schlicht einfacher, weiter den Konsumentinnen und Konsumenten in die Tasche zu greifen?

Unter dem Strich bleibt das «Preis-Leistungs-Verhältnis» für uns Bechterew-Betroffene sehr gut. Doch das Thema der chronisch Kranken muss in der zukünftigen Diskussion über die Gesundheitskosten eindeutig mehr Beachtung finden – um der Solidarität willen, und auch weil diese Gruppe in der Bevölkerung stetig zunimmt.

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