Vom Rollstuhl auf den Berggipfel

Vom Rollstuhl auf den Berggipfel

Ich sah mich um. Etwas benommen und ungläubig sah ich ein Meer von flauschigen Wolken über der Po-Ebene Italiens im Süden. Es war wie in einem Flugzeug, ausser dass die Landschaft nicht am Fenster vorbeizog und mir ein kalter Wind ins Gesicht blies.

In allen anderen Richtungen waren nur einzelne verstreute Wolken zu sehen. Zwischen ihnen konnte ich bis zu grünen Tälern sehen, weit unten. Im Norden und Osten wälzten sich riesige Gletscher prächtig auf den einsamen Gipfel des Matterhorns zu, der sich elegant und irgendwie kokett zum Himmel zu strecken schien. Links vom Matterhorn in der Ferne stand das grosse Massiv des Mont Blanc, der einzige Punkt in Westeuropa, der noch höher war als wir.

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Ich stand auf der Dufourspitze, auch bekannt als Monte Rosa, 4634 Meter über dem Meeresspiegel. Es war der 16. Gipfel über 4000 Metern, die ich in fünf Tagen erklommen hatte. Ich hatte alles geschafft, was ich erreichen wollte. Die Mühen der letzten Vorbereitungsmonate hatten sich gelohnt. Die Angst und Zweifel, die schlaflosen Nächte, das Herzrasen – alles verschwand in der erhabenen Schönheit dieses Augenblicks. Ich wandte mich an meine Seilpartner und wir umarmten und gratulierten einander, ich schluchzte Tränen der Dankbarkeit und Erleichterung.

Wir genossen die Kulisse noch ein paar Minuten lang, machten ein paar Fotos, tranken einen Schluck heissen Tee aus unseren Thermosflaschen, zwangen etwas getrocknete Früchte oder Schokolade herunter, als unser Bergführer Roman sagte: «Lasst uns gehen. Konzentriert euch.» Es sollte aber noch mehrere Stunden dauern, bevor wir die Tour sicher abgeschlossen hatten. Jeder, der als Kind auf Bäume geklettert ist, weiss, dass es in der Regel schwieriger ist, heil runter zu kommen als hochzuklettern.

Nichts als ein Schritt

Auf dem Gipfel des Monte Rosa gibt es eine Tafel zum Gedenken an den ersten Aufstieg im Jahre 1855 mit einem Zitat von Seneca: «Was du denkst, sei der Gipfel, ist nichts als ein Schritt.» «Nichts als einen Schritt» zu tun war meine treibende Kraft während der vergangenen Tage gewesen. Die Touren waren lang – bis zu 12 Stunden – und wenn mir ein Hang endlos erschien und ich das Gefühl hatte, dass ich nicht mehr weitergehen konnte, habe ich mich immer darauf konzentriert, den nächsten Schritt zu machen. Irgendwann war einer dieser Schritte in der Tat der Gipfel. Dieser Gedanke, immer einen Schritt aufs Mal zu machen, war seit der Diagnosestellung ein wichtiges Thema im Umgang mit dem Morbus Bechterew.

Auch bei den Ermahnungen unseres Bergführers Roman ging es darum, sich auf jeden Schritt zu konzentrieren. Denn viele der Gipfel, die wir bestiegen hatten, lagen an schmalen Bergkämmen, von denen steile Hänge auf beiden Seiten 1000 Meter in die Tiefe herab fielen. Ein Fall würde den sicheren Tod bedeuten. So war der einzige sichere Weg, genau auf der Oberseite des Kamms zu laufen, so dass, wenn jemand stolpern und auf eine Seite fallen würde, ein anderer Seilpartner auf die andere Seite springen und damit den Sturz abbremsen könnte. Natürlich ist diese Massnahme nur als letzte Option gedacht.

Bild: Roman Hinder, Bergpunkt AG

Bild: Roman Hinder, Bergpunkt AG

Die beste Art des Vorankommens am Berg ist, sich mit allen Sinnen auf jeden einzelnen Schritt zu konzentrieren, die Füsse gleichmässig auf dem Boden zu platzieren, zu fühlen, wie sich die Seilpartner bewegen, und die eigenen Bewegungen mit ihnen zu koordinieren.

Am zweiten Tag überquerten wir den Lyskamm, eine der klassischen Traversen in den Alpen. Der Westgipfel ist 4491 Meter hoch, die Ostspitze 4527 Meter. Es ist ein exponierter Kamm, der sich auf etwa zwei Kilometern mit atemberaubender Aussicht ausdehnt, als ob er frei im Raum über seiner Nordwand hängen würde. Ich liebe das Gefühl, das in solchen Situationen entsteht. Ich fühle mich lebendig und zuversichtlich, immer wissend, dass das Risiko zu stolpern hier nicht grösser ist, als wenn ich zu Hause bin.

Bild: Roman Hinder, Bergpunkt AG

Bild: Roman Hinder, Bergpunkt AG

Erst am letzten Tag, sehr früh am Morgen auf einer eisigen Traverse zwischen der Zumsteinspitze (4452 Meter, 14. Gipfel) und der Dunantspitze (4632 Meter, 15. Gipfel) wurde ich ängstlich und fing an, an meine Familie zu denken. Ich musste mich sofort daran erinnern, dass dies meinem Zweck nicht dient, und ich mich ganz auf meine Aufgabe konzentrieren sollte – einen sicheren Schritt nach dem anderen zu machen.

Warum ich das Bergsteigen liebe

Diese geistigen Herausforderungen sind für mich ein wichtiger Teil der Faszination Bergsteigen. Kletterer benötigen im wahrsten Sinne sehr ausgewogene Fähigkeiten. Sie brauchen fein geschliffene Techniken, körperliche Kraft, Ausdauer und die Fähigkeit, sich stark auf eine Aufgabe fokussieren zu können. Die Bedeutung der gesamten geistigen Herausforderung sollte nicht unterschätzt werden.

Unsere Gruppe wurde von zwei Bergführern geführt, so dass die entscheidenden Elemente des Risikomanagements, der Planung und der Entscheidungsfindung an erfahrene Fachleute delegiert wurden. Dennoch ist auch mit dieser Unterstützung die Fähigkeit, Angst zu überwinden, sich ganz auf die jeweilige Aufgabe zu konzentrieren und die Herausforderungen zu meistern, für den Erfolg unerlässlich.

Während der Tour erlebte ich viele Momente des Zweifels. Ich war überrascht und besorgt darüber, wie müde ich schon nach dem zweiten Tag war. Ich war sehr nervös wegen der technischen Herausforderungen des Lyskamm am dritten Tag und wegen des langen vierten Tages, der nicht weniger als sieben Gipfel über 4000 Meter enthielt. An diesem Morgen fühlte ich mich zu müde, um zu essen, und meine Beine fühlten sich schon nach einer oder zwei Stunden zu Fuss wie Blei an. Mit der Unterstützung unserer Guides, etwas Roggenbrot, Trockenfleisch, Käse und Tee wurde mein Zustand jedoch stabiler und nach ein paar Stunden fühlte ich mich schon viel besser.

Die Hüttenerfahrung

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Wir verbrachten die Nacht von Tag vier auf der Signalkuppe auf 4554 Metern über Meer. Der italienische Alpenclub CAI betreibt direkt auf dem Gipfel eine Berghütte, die «Capanna Regina Margherita». Auch wenn man gut akklimatisiert ist, ist das ein sehr hoch gelegener Ort zum Schlafen. In dieser Höhe entspricht der Sauerstoffgehalt der Luft etwa der Hälfte desjenigen auf Meereshöhe. Der Körper kann sich deshalb weniger gut erholen als auf einer tieferen Höhe über Meer.

Es wird wohl die wenigsten überraschen, dass Berghütten nicht die komfortabelsten Orte sind. Die Betten befinden sich in grossen Massenschlägen und man kann eine begrenzte Auswahl an Speisen und Getränken erwerben. Die Unterkunft beinhaltet ein Abendessen und ein Frühstück zwischen ca. vier und acht Uhr morgens, je nachdem, wann die geplante Tour beginnt. Kaltes Wasser ist in der Regel nur zum Waschen und in begrenzten Mengen verfügbar.

Die Capanna Regina Margherita hat überhaupt keine Wasserversorgung. Wenn man darüber nachdenkt, ist es nicht verwunderlich, denn woher sollte das Wasser auf einem Berggipfel kommen? Die Toilette war ein Loch im Boden in einem kleinen, mit Zinn ausgekleideten Zimmer. Es gab dort auch eine Desinfektionslösung, um die Hände zu reinigen.

Alles in allem war mir nicht danach, viel zu essen, und dennoch nahm ich in dieser Berghütte eine der tollsten Mahlzeiten seit langem ein: eine Karotten-Ingwer-Suppe, garniert mit einem frittierten, knusprigen Topping, dann ein Salat von verschiedenen Tomaten und Burrata, dann zwei Sorten Pasta mit Auberginen und süssem Paprika. Das Hauptgericht war gebratenes Lamm, das mit Knoblauch und reichlich Rosmarin gewürzt und auf einem Bett aus perfekt gekochtem Kohl serviert wurde. Als Beilage gab es italienische Bratkartoffeln. Oh, und fast hätte ich den Rote-Bete-Salat vergessen! Zum Dessert gab es Shortcake-Kekse, kleine schwarze und weisse Schokoladenmünzen und Wassermelone. Diese Mahlzeit war wohl eines der eindrücklichsten und schönsten Erlebnisse meines Lebens. Ich glaube, es hat mir sehr geholfen, den letzten Tag zu bewältigen.

Was kommt als nächstes?

Während ich diese Zeilen schreibe, bin ich immer noch irgendwie in Trance. Ich kann noch nicht ganz glauben, dass ich in fünf Tagen 16 Gipfel über 4000 Meter erklimmen konnte, war ich doch vor etwas mehr als 18 Monaten noch auf einen Rollstuhl am Flughafen angewiesen, um nach London zu reisen, weil ich kaum gehen konnte.

Mein Bergsteiger-Erfolg ist vor allem auf die gute Behandlung meines Bechterews zurückzuführen. Ich weiss, dass viele Betroffene keinen Weg finden, die Krankheit so gut zu bewältigen, weshalb ich mich sehr glücklich und privilegiert fühle. Allerdings lebe auch ich auf Messers Schneide, immer auf der Hut wegen der Schmerzen und wissend, dass es noch keine Heilung für den Morbus Bechterew gibt und sich meine Situation deshalb jederzeit ändern könnte. Für viele Menschen geht es nur darum, das Beste aus der Situation zu machen. Ich kenne das selber und denke oft über die Jahre vor der Diagnose nach, in denen ich so viel Energie brauchte, nur um einigermassen durch den Tag zu kommen.

Was bedeutet meine Kletterleistung für mich persönlich? Es schliesst die dunklen Zeiten der unerbittlichen Schmerzen und der Erschöpfung durch den Morbus Bechterew ab. Die Erinnerungen sind zwar immer noch präsent, aber jetzt habe ich das Gefühl, dass ich weitergehen kann. Es hat sich gezeigt, dass ich nun Dinge tun kann, die ich in den letzten 20 Jahren nicht machen konnte.

Ich bin immer noch müde, denke aber schon über die nächsten Bergsteigerprojekte nach. Je länger, je mehr gelange ich zur Überzeugung, dass regelmässige Bewegung sehr wichtig ist für mich. Idealerweise würde ich jeden Tag mehrere Stunden Sport machen, anstatt an einem Schreibtisch zu sitzen (oder zu stehen), und dann hätte ich vielleicht keine Rückenschmerzen mehr. Doch meine Arbeit am Institut für Rheumaforschung trägt ja auch zur Verbesserung der Lebensqualität von Rheumabetroffenen bei. Und dies ist ein noch viel grösseres Projekt als das Bergsteigen. Aber nun erstmal ein Schritt nach dem anderen, wie auf meiner Gipfeltour.

 

Die definitive Bergtour

Tag 1: Roccia Nera 4075m

Tag 2: Pollux 4092m and Castor 4223m

Tag 3: Felikhorn 4087m, Lyskamm Traverse über den Westgipfel 4479m und Ostgipfel 4527m

Tag 4: Punta Giordani 4046m, Piramide Vincent 4215m, Balmenhorn 4167m, Corno Nero 4321m, Ludwigshöhe 4341m, Parrotspitze 4432m, Signalkuppe 4554m

Tag 5: Zumsteinspitze 4563 m, Dunantspitze 4632m, Dufourspitze 4634m

 

Trotz Bechterew hoch hinaus

Trotz Bechterew hoch hinaus